Geschichten aus dem Fahrlehrerleben

Geschichten aus dem Fahrlehrerleben.

aufgeschrieben von meiner Kollegin Nadine Barro, die uns aber in ähnlicher Form allen schon passiert sind.

Wir fahren auf einer Landstraße. Sabine, 17, hat ihre 7. Fahrstunde. Sie hat schon etwas Erfahrung, besitzt den Rollerführerschein. Die digitale Tachoanzeige des Fahrschulautos sagt, wir fahren genau 101 km/h. Ein dunkelblauer PKW überholt uns zügig. Sabine schaut nochmal auf den Tacho, fragt erstaunt: „Wieso überholt der? Wir dürfen doch nur 100, oder?“

Stefan, 18, ist nervös. Er hat seine 4. Fahrstunde. Wir stehen an einer roten Ampel. Ganz vorne. Stadtgebiet. Die Anfahrübungen, die wir gemacht haben, haben gut geklappt. Aber da waren wir allein auf der Straße. Nun stehen Autos hinter uns. Ich beruhige ihn, sage, er solle sich etwas Zeit lassen. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Die Ampel schaltet auf „grün“. Stefan lässt die Kupplung langsam kommen, gibt etwas Gas dazu. Das Fahrschulauto sollt langsam an. Der Motor stirbt nicht ab. Stefan freut sich. Das Auto hinter uns hupt. Stefan schaut mich fragend an.

Marie, 17, hat heute einen schlechten Tag. In der Schule hat sie eine Arbeit verhauen. Wir stehen an einer roten Ampel. Vor uns stehen 2 Fahrzeuge. Die Ampel schaltet um. Die Fahrzeuge vor uns setzen sich in Bewegung. Marie fährt auch los, würgt den Motor ab. Sie hat heute ihre 12. Fahrstunde. Ich versuche sie zu beruhigen. „Das kann mal passieren, konzentrier dich ein bisschen mehr und dann fahren wir einfach wieder los.“ Das Auto hinter uns hupt uns an. Über meinen Innenspiegel sehe ich, dass der Fahrer hinter uns wild mit den Armen fuchtelt und offensichtlich schimpft. Marie wird nervös, braucht etwas länger, um loszufahren. Der Fahrer hinter uns hat es offenbar sehr eilig. Er wechselt hinter uns auf die linke Fahrspur und überholt uns. Als er an uns vorbeifährt, schimpft er immer noch und zeigt uns den „Vogel“.

Thomas, 19, steht kurz vor der praktischen Prüfung. Einen Termin hat er schon. Morgen. Er macht den Anhängerführerschein. Wir üben nochmal die Grundfahraufgabe „Links-Rückwärts in eine Einmündung, die er auch morgen machen muss. Wir halten am rechten Fahrbahnrand. Thomas bittet mich auszusteigen, um den Verkehr nach hinten abzusichern. Ich steige aus und stelle mich an eine geeignete Stelle. Thomas rangiert den Anhängerzug sicher nach links in die Einmündung. Jetzt nur noch geradestellen. Thomas möchte einen Korrekturzug nach vorne machen. Von rechts nähert sich ein Auto. Thomas wartet. Das Auto biegt in die Straße ein, in der wir stehen, hält auf meiner Höhe. Die Beifahrerin lässt das Seitenfenster herunter, fragt: „Was soll denn das? Muss das sein?“ Ich schaue sie fragend an, sage ihr, dass wir gleich wieder weg sind. Sie meint: „Das ist mir egal, es muss ja wohl nicht sein, dass hier ständig Fahrschulen mit Anhänger üben!“ Wir sollten doch auf den Verkehrsübungsplatz gehen!

Sind diese Geschichten wahr? Nicht ganz. Die Namen der Fahrschüler sind frei erfunden. Der Rest ist tatsächlich so passiert. Fast jeder Fahrschüler vermutlich wird im Laufe seiner Führerscheinausbildung einmal eine Sabine, ein Stefan, eine Marie oder ein Thomas sein. Vielleicht auch in etwas abgewandelter Form.

Wir Fahrlehrer und Fahrlehrerinnen haben tagtäglich mit ihnen zu tun. Das ist unser Beruf und unsere Leidenschaft. Wir bilden gerne Fahranfänger aus. Nur macht es nicht immer Spaß im Straßenverkehr, wenn man ständig „gemobbt“ wird.

Unterhalten wir uns mit anderen Leuten, bekommen wir meistens zu hören: „Du bist Fahrlehrer? Da musst du aber bestimmt viel Geduld haben. Ich könnte das nicht! Mit diesen dummen Fahrschülern, die nichts können!“

Zum Schluss noch eine Geschichte, wie es auch aussehen könnte, wenn wir alle etwas mehr Verständnis haben würden. Aus hier ist der Name der Fahrschülerin frei erfunden.

Heute üben wir nochmal einparken. Lisa, 18, hat die Übung schon dreimal gemacht. Mit meiner Unterstützung. Jetzt darf sie mal alleine probieren. Ich helfe ihr nur, wenn es nötig ist. Wir halten neben einem parkenden Auto. Die schmale Straße ist komplett frei. Lisa konzentriert sich. Sie überlegt, wo nochmal die Punkte waren, an denen sie einlenken soll. Sie legt den Rückwärtsgang ein. Von hinten nähert sich ein Auto. Es wartet hinter uns in angemessenem Abstand. Lisa wird nervös. „ Das Auto…“, sagt sie. Ich beruhige sie und sage ihr, dass der Fahrer sich die Zeit jetzt nehmen muss. Außerdem sind wir ja gleich fertig. Lisa parkt ein, wie ich es ihr gezeigt habe. Wir stehen perfekt in der Lücke. Der Fahrer, der hinter uns gewartet hat, fährt wieder los. Er hält neben uns an, lächelt zu uns herüber, hebt seine rechte Hand und streckt den Daumen nach oben. Dann fährt er weiter. Lisa schaut mich an und strahlt über das ganze Gesicht.

Wir schön wäre es doch, wenn alle Fahrschüler in ihrer Ausbildung ab und zu eine Lisa sein dürften. Wenn ab und zu die erfahrenen Autofahrer Geduld mit uns hätten. Wenn ab und zu eine anderer Autofahrer uns ein verständnisvolles Lächeln entgegenbringen würde. Wenn ab und zu ein anderer Autofahrer ein kleines bisschen warten würde, wenn es mal etwas länger dauert. Wenn uns ab und zu ein anderer Autofahrer loben würde. Uns und unsere Sabines, Stefans, Maries und Thomase, und natürlich auch die Lisas.

Wie schön wäre es, wenn Sie als Leser oder Leserin dieses Artikels beim nächsten mal, wenn ein Fahrschulauto vor Ihnen fährt, einfach mal lächeln würden, und sich an Ihre eigene Fahrschulzeit erinnern würden.

Immerhin haben wir einen Beruf, den anscheinend ja leider niemand machen möchte, da er so anstrengend ist und viel Geduld erfordert. Wenn auch nicht immer mit den Fahrschülern.

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