Prüfungsangst – Fluch oder Segen?

Es gibt wohl keine Fahrlehrerin/keinen Fahrlehrer, der noch nie mit diesem Thema konfrontiert war. Die Angst ihrer/seiner Schüler vor der Prüfung, aber auch die eigene Angst vor der Situation: praktische Prüfung. Es wird ja nicht nur der Fahrschüler geprüft sondern jedes Mal steht auch die eigene Arbeit auf dem Prüfstand. Ein TÜV-Prüfer sagte mir vor vielen Jahren (als ich meinen allerersten Prüfling zur praktischen Prüfung vorstellte) den immer noch gültigen Satz:“ Jeder Fahrlehrer kennt seinen Schüler, aber kein Fahrlehrer kennt seinen Prüfling“. Dies kann ich aus vollem Herzen bestätigen.

Aber was genau ist eigentlich diese Prüfungsangst?
Klar definiert ist dieser Begriff nicht, zumal es sich oft um eine sehr subjektive Beurteilung handelt. Für den einen ist Prüfungsangst nur ein ganz leichtes Kribbeln im Bauch, für die andere ein Gefühl der Panik bis zum völligen Zusammenbruch. Oder irgendetwas dazwischen. Dann gibt es auch noch diejenigen, die mangelnde Vorbereitung, z.B. Nicht-Lernen, mit Prüfungsangst entschuldigen.

Prüfungsangst, die sich nicht in Panik äußert, sondern „nur“ zu einer erhöhten Aufmerksamkeit führt, ist sogar nützlich. Sie hilft, die Prüfung nicht auf die leichte Schulter zu nehmen und so Flüchtigkeitsfehler zu produzieren, aber trotz allem nicht zu blockieren sondern aufmerksam zu betrachten bleibenund Gelerntes konzentriert abzurufen.

Echte Prüfungsangst ist allerdings eine ganz andere Hausnummer. Körperlich kann es sich zum Beispiel zeigen durch Schlaflosigkeit, Unruhe, Durchfall, Erbrechen, Tunnelblick und (selber bei einem Prüfling erlebt) Atem anhalten bis zur Ermahnung: Atme mal. Im Auto kann es passieren, dass auf einmal das Bein auf der Kupplung anfängt zu zittern. Natürlich darf man in diesem Fall an geeigneter Stelle anhalten, sogar aussteigen und einmal ums Auto gehen, ohne das der Prüfer dies negativ bewertet.

Warum kommt es überhaupt zum Zittern? Ein Grund ist, dass dem Körper Flüssigkeit fehlt. Durchfall und/oder Übelkeit führen dazu, dass zu wenig getrunken wird. Die Muskeln protestieren. Daher nicht vergessen, des Wasserhaushalt des Körpers in Ordnung zu halten. Auch das Gehirn braucht Wasser zum Arbeiten. Einen weiterern Grund finden wir in unserer Entwicklungsgeschichte: Gehen wir zurück in die Anfänge der Menschheit: Jäger sitzt am Feuer. Plötzlich knackt es im Gebüsch: Anspannung, Erregung, alle Muskeln werden kampf- bzw. fluchtbereit gemacht. Dann das Erkennen des Geräusches. Möglichkeit a) War nur anderer Jäger. Der Körper wird langsam wieder auf Normalbetrieb zurückgefahren, es bleibt genug Zeit zur Entspannung und Regeneration. Möglichkeit b) Der Säbelzahntiger kommt. Blitzartig wird nun die Entscheidung zu Kampf oder Flucht getroffen. Die körperliche Anspannung wird in Bewegung und körperlicher Anstrengung abreagiert. Danach wieder Entspannung. Im Auto – noch dazu in der Prüfungsfahrt – ist weder Kampf noch Flucht möglich (daran hindert schon der Sicherheitsgurt). Die Muskelanspannung muss sich aber lösen, also zittert das Bein.
Prüfungsangst oder Prüfungsanspannung kann sich auch in Blackout äußern, in Weinkrämpfen und in noch jeder Menge anderer Symptome mehr.

Wege aus dieser Angst:
Die eine Patentlösung gibt es nicht, denn jeder von uns „tickt anders“. Wer unter Prüfungsangst leidet, sollte sich rechtzeitig damit auseinander setzen und in Ruhe mit seinem Fahrlehrer sprechen oder sich anderweitig um Hilfe bemühen. Eine ganz schlechte Lösung ist das Unterdrücken der Angst durch Alkohol, Pillen oder andere Drogen. Das mag eventuell das Angstgefühl dämpfen, allerdings wird eine Fahrt unter Einfluss dieser Stoffe schnell zur Straftat und ob man zu gedröhnt das Auto vernünftig durch den Verkehr bewegen kann, ist zumindest zweifelhaft.

Oft hilft es schon, mit Leuten zu sprechen, die gerade vor kurzem ihre Führerscheinprüfung bestanden haben. Und nicht alles zu glauben, was „der Freund eines Freundes einer Freundin“ erzählt, der durchgefallen ist. Oder die Horrorstories, die sich in einigen Internet-Foren zum Thema Prüfung finden. Es ist sehr menschlich, ungern eigenes Versagen zuzugeben. Oft erleben Fahrlehrer es, das ein Fahrschüler, der in der Prüfung einen Fehler macht, dem Prüfer erzählt, diese oder jene Übung habe er nie gemacht. Das ist nicht mal böse Absicht, sondern einfach nur aus der Situation heraus der Versuch, die Prüfung zu retten. Vielen ist dieser Dialog nicht mal hinterher bewusst. Bei einem nicht Bestehen der Prüfung ist dann schnell a) der Fahrlehrer schuld. Diese Übung haben wir ja nie gemacht. b) der Prüfer schuld. Er wollte den Prüfling von Anfang an durchfallen lassen, denn er braucht ja bestimmte Durchfallquoten. c) das Auto. Das hat auf einmal nur noch abgewürgt. d) Irgendetwas anderes

Wenn ihr diese Gerüchte hört und Fragen zur Prüfung habt, redet doch zuerst mit Euren Fahrlehrern. Dann werdet ihr über den Ablauf der Prüfung informiert, es kann auch während einer Fahrstunde eine Prüfungssimulation erfolgen. Dabei fährt ein zweiter Fahrlehrer mit und es wird alles genau so wie „in Echt“ gemacht. Wissen um den Ablauf gibt schon viel Sicherheit. Weder Prüfer noch Fahrlehrer wollen, dass ihre Schüler durchfallen. Die Prüfer haben bei bestandener Prüfung viel weniger Schreibaufwand und die Fahrlehrer lieben zufriedene Kunden.

Oft verbirgt sich hinter der Prüfungsangst eine ganz andere Angst, dies kann aber immer nur im Einzelfall besprochen werden. Bei Fragen oder Problemen in dieser Hinsicht könnt ihr mir gerne Fragen stellen.

Katrin

4 Gedanken zu „Prüfungsangst – Fluch oder Segen?“

  1. Bin eben über den tollen Beitrag hier gestolpert und hätte mir gewünscht, ihn früher gelesen zu haben.

    Ich helfe Menschen mit einem Online-Kurs bei der Vorbereitung auf eine Prüfung (keine Angst, hier kommt jetzt keine Schleichwerbung!!!) und habe in den drei Jahren, die ich dabei jetzt mit Prüflingen zusammenarbeite, ziemlich viel über Prüfungsangst gelernt, wodurch ich mich bis heute noch sehr intensiv mit dem Thema auseinandersetze.

    Erstmal finde ich die von Katrin hier abgegebene Einschätzung, dass Prüfungsangst per se erst mal was gutes ist, weil es die Aufmerksamkeit und Konzentration steigert, eine ganz tolle und wichtige Beobachtung. Denn ich habe festgestellt, dass ich meinen Kursteilnehmern am besten durch die Prüfung helfe, wenn ich bewirken kann, dass ein Umdenken stattfindet. Und zwar von „Oh nein, ich habe Prüfungsangst!“ zu „Jep, da ist sie wieder, diese leichte Nervosität, aber dafür führt sie nun dazu, dass ich umso konzentrierter arbeiten kann!“

    Nebenbei bemerkt: Wenn einem die Prüfung nciht gerade sch***egal ist, hat man doch immer die grundsätzliche Angst, zu versagen. Und zu lernen, dass mir eine Sache besonders wichtig ist, ist doch auch extrem hilfreich, oder?

    Gilt natürlich alles nur für die leichten Formen von Prüfungsangst, aber das wird hier ja ebenfalls genau so dargestellt. Wie gesagt – schade, dass ich es nicht früher gefunden habe. Seit geraumer Zeit hatte ich mal alle meine Gedanken dazu in einen eigenen Blogartikel gepackt, der hier zu finden ist: https://ausbilderschein24.de/ausbildereignungspruefung-pruefungsangst/

    Wenn jemand Zeit und Lust hat, sich das mal durchzulesen, würde ich mich über Feedback und weitere Impulse sehr freuen.

    Beste Grüße
    Dennis

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